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„Bauer Unser“ – der Dokumentarfilm im MKC Templin

25.01.2018

Nachbetrachtungen (persönlicher Eindruck, schnell getippt, bevor er verblasst…)

von Sybilla Keitel (BI Haßleben / BI Eselshütt / BI gegen Ackergifte)

Wer hätte das gedacht ? Hunderte Menschen im Kino des MKC, der große Saal zum Bersten voll, die Stimmung aufgeräumt und erwartungsvoll – gespannt. Der gezeigte Blockbuster heißt „ Bauer Unser“, ein staubtrocken-neutraler Dokumentarfilm über die Produktionsbedingungen in der heutigen Landwirtschaft – von industrialisiert bis öko. Der aber birgt ganz offensichtlich das Potenzial, die Uckermärker von den Sofas zu holen – hat die riesige Berliner Demo „Wir haben es satt“ vor einer Woche etwa einen Wendepunkt markiert ?

Im Saal alles andere als verwirrt träumende Ökos, sondern der ganz normale Querschnitt: Politiker und Hausfrauen, Landwirte, Geschäftsleute, Konservative und Rebellen, junge und alte Menschen, kleine Mittelständler und auch Begüterte. Zur Diskussion steht die industrialisierte Landwirtschaft. So erschreckend wie nüchtern zeigt der Film die Praxis der sogenannten Tierproduktion: Turbo- Milchkühe, gezwängt in maschinelle Gerätschaften, Schweine auf glitschig-verkoteten Spaltenböden, die sich um eine einzige Beschäftigungsmöglichkeit in Form einer Eisenkette drängen, die nächtliche Ausstallung von Hennen, die nach über einem Jahr nicht mehr die erwünschte Legeleistung bringen und brutalst gegrapscht in Kisten gestopft werden, als seien sie bereits tote Ware. Die Maschinerie des Fließbandschlachtens, wo Schweine noch lebendig zappeln. Dürfen wir das ? Nach dem Motto: immer mehr, immer billiger und immer schneller so derartig abscheulich mit unseren Mitgeschöpfen umgehen, nur um, mit gesetzlicher Billigung, auf dem Weltmarkt mithalten zu können ? Geht’s noch ?

Auf dem Podium sechs Teilnehmer, die Position zum Film beziehen, aus Landwirtschaft, Naturschutzbehörden, Bürgerinitiativen und NGOs, souverän moderiert vom Leiter des FOEN-Umweltfestivals, in dessen Rahmen auch dieser Film gezeigt wird. Im Publikum, und das ist neu, eine hohe, äußerst engagierte Beteiligung an der Diskussion: so viele, die den Mund aufmachen, sich einmischen, mutig sagen, was sie denken. Mit Schweigen und Abnicken ist jedenfalls Schluss, weil das Anliegen zu wichtig ist: sie haben diese Art von Landwirtschaft satt. Eine industrialisierte Landwirtschaft, die für maximalen Gewinn unsere Magerböden vergewaltigt mit Kunstdünger und Stickstoff, unsere gesamten Ressourcen übernutzt und, wenn das nicht reicht, auch noch den südamerikanischen Regenwald abholzen lässt, um unsere Nutztiere mit dem glyphosatverseuchten Soja zu füttern. Die unsere Gesundheit gefährdet und trotz deutlicher Alarmsignale das Vorsorgeprinzip an den Nagel gehängt hat. Die in Kauf nimmt, dass sämtliche vom Acker lebenden Pflanzen und Tiere vernichtet werden für eine einzige Ertragspflanze. Vor allem die Landwirte müssen sich daher viele unbequeme Fragen gefallen lassen, zum Beispiel nach der Art ihres Wirtschaftens. Oder danach, ob sie überhaupt über sowas wie eine Zukunftsvision nachdenken, haben sie doch eine hohe Verantwortung – mit deutlich erkennbaren Folgen für die Natur, das Klima und uns alle. Aber Kritik geht auch an die Adresse von uns Verbrauchern, die in deutlicher Dissonanz zu ihren öffentlichen Beteuerungen dann doch zu Billigfleisch greifen. Und an die großen Handelsketten, die mit ihrer Dumpingpreispolitik die Landwirte versklaven und in die Überschuldung treiben. Der nackte Wahnsinn. Wie kann man ihn stoppen ?

„Das ist ein weites Feld“, sagt der alte Briest bei Theodor Fontane immer dann, wenn ihm die Probleme zu massiv werden. An diesem Abend aber hätte man sie gern noch bis in die Puppen weiterdiskutiert, leicht machen wollte es sich hier keiner, sondern mal ernsthaft die Sachen auf den Tisch bringen, auch wenn es anstrengend wurde. Vielleicht ist das überhaupt ein kardinaler Fehler im System: wir wollen es uns immer leicht machen: easy learning, easy cooking, easy listening, Ware mit dieser Verheißung ist allerorts zu kaufen. Und so fahren die Landwirte heute ganz easy mit der Giftspritze aufs Feld, weil das sogenannte „Beikrautmanagement“ so viel bequemer ist als den Organismus Acker sorgsam mit mechanischen Mitteln zu behandeln, außerdem auch noch billiger. Und allzu leicht machen wir es uns als Verbraucher, wenn wir schnell zur unkenntlich verpackten Ware greifen, ohne darüber nachzudenken, wie unsere Lebensmittel produziert werden und ausblenden, dass ein Billighühnchen nichts als widerliches Qualfleisch ist.
Indessen ist die Natur unendlich kostbar. Unser geringschätziger Umgang mit ihr hat einen hohen Preis: sie schlägt zurück. Mit multiresistenten Keimen, Nitrat im Grundwasser, einem dramatischen Insektensterben durch Pestizidvergiftung, den Vorboten einer drohenden Klimakatastrophe. Und schlimmer noch: je mehr gespritzt wird, desto resistenter reagiert die Natur: der Rapsglanzkäfer breitet sich aus, schon ist er an den Lindenknospen, die auch Nahrung sind für die Bienen, die sowieso schon hungern. Aus kleinen Wildkräutern werden plötzlich Riesenpflanzen, Hilfe !!! Ein Fluch scheint auf dieser Art von Landwirtschaften zu liegen, fast möchte man sagen: ein biblischer.

Mein Fazit des Abends: alle müssen umdenken, und zwar sofort und nicht erst in 5 oder 10 Jahren, dann sind nämlich die letzten 20% Insekten auch noch weg.
Antonio Guterres, UN- Generalsekretär in seiner diesjährigen Neujahrsansprache: „ Ich rufe Alarmstufe Rot für unsere Welt aus !“
Schluss also mit Easy Living. Wir müssen gewisse Anstrengungen und Kosten auf uns nehmen, um gut zu leben, und das heißt zuallererst, die Natur zu respektieren. Nix mehr mit unbegrenztem Wachstum in einer begrenzten Welt. Auf drastische Weise erkennen wir nun die Gefährlichkeit unseres Wirtschaftens, und hoffentlich nicht zu
spät: late lessons for early warnings, das hatten wir schon bei DDT & Co; wir sollten inzwischen etwas gelernt haben.

Vielleicht gelingt es uns noch, das Ruder rumzureißen, auch wenn es eher fünf nach zwölf ist. Der Abend hat mir gezeigt, dass diese ungeheuren Folgen nun den meisten bewusst sind. Unterm Strich: Wir sind nicht einverstanden, auch hier in der Uckermark nicht. Deswegen müssen wir weiter Widerstand gegen die Zerstörung dessen leisten, was uns lieb und teuer ist, falls wir nicht in Apathie versinken wollen.

Sybilla Keitel

Podiumsdiskussion im MKC nach der Filmvorführung
Coverfront DVD Bauer unser